Sopra

«peintre-sculpteur»

Dieter Schwarz
(in: Dieter Schwarz: Von Lucio Fontana bis Thomas Schütte, Kunstmuseum Winterthur, Graphische Sammlung, Band 2, 2016, S. 177)

Hans Brändli führte sich zu Beginn der 1990er Jahre mit malerischen Werken ein, zunächst in klassischer Ölmalerei, danach in einer selbstentwickelten Technik, wofür Schellack in Alkohol gelöst und mit Pigmenten vermengt auf grossen Tüchern aufgetragen wurde. Fluss und Stauung der Farblösung brachten kostbare Effekte hervor, mit denen sich der Maler selbst überraschte. Als hätte er nun massiveren Widerstand gesucht, begann Brändli im vergangenen Jahrzehnt an geschmiedeten Skulpturen aus Metallen zu arbeiten, deren preziöse schimmernde Erscheinung die handwerkliche Anstrengung überspielte. Griff Brändli darin zuweilen auf vertraute Gebrauchsformen wie Rahmen, Schale, Gefäss zurück, so erscheinen auch die in feinen Lasuren auf den Papiergrund aufgetragenen Aquarelle (Abb. S. 192 und 193), die parallel zur Schmiedearbeit entstanden, als Reminiszenzen aus einer stets präsenten, nicht abgeschlossenen organischen Welt. Für Brändli realisiert sich darin ein Zeichnen, das sich ohne Vorlage aus sich selbst heraus gestaltet: «Die Zeichnung hat kein Ziel. Aus dem Chaos, ein Labyrinth. Motive erschaffen. Eingeben, Zurückhalten.» Anders als in den Gemälden verwendet Brändli die Wasserfarbe in beinahe zeichnerischer Weise, indem er kaum grössere Farbzonen anlegt, sondern in feinen Strichen Besitz von der Fläche nimmt. Diese ist nicht strahlend weiss, sondern ein leicht gelblicher, für die fahlen, gebrochenen Töne empfänglicher Grund. Farbig gezeichnet, zierlich gefächert, an Gräser und Pflanzen erinnernd, sind die Figuren wie in einem imaginären Herbarium auf das Blatt abgelegt. Hier überlagern sie sich gegenseitig, verbergen sich zuweilen gar unter Farbgittern und fein gestaffelten Linien. Dank der Transparenz der wässerigen Farbe blüht ihre imaginäre Qualität auf, denn diese kaum identifizierbare Vegetation ohne feste Konturen bleibt in einem Schwebezustand zwischen An- und Abwesenheit und gerät in den Bereich, den der Künstler «sich selbst zeichnendes Zeichnen» nennt. Darin äussert sich sein Nachdenken über das energetische Wechselspiel der Formen: «Die forma formans, die sich zur forma formata entwickelt, behält ihrerseits die Kraft, als forma formans in den Prozess weiterer Formbildungen einzugehen. Sie ist in einem potenzierten Sinn mit dem Goethewort ‹geprägte Form die lebend sich entwickelt›.»


Texte über Hans Brändli

Iris Wien: Zwischen-Bilder

(in: Hans Brändli. manus fabri, Agon Press, 2016)

Kay Heymer: Hans Brändli – mit dem Material sprechen

(in: SOLODUO, Hans Brändli – Pia Fries, Kerber Verlag 2025)

Ute Bopp-Schumacher: Peintre sculpteur.
Der vielseitige Maler und Bildhauer Hans Brändli

(in: SOLODUO, Hans Brändli – Pia Fries, Kerber Verlag 2025)


Ausstellungen (Auswahl)

1982
Galerie Maier-Hahn, Düsseldorf, Hans Brändli, Bogomir Ecker, Pia Fries, André Gelpke, Arno Jansen, Astrid Klein, Bernd Minnich, A. von Nagel, Peter Telljohann

1983
Maison de congrès, Montreux, bourse fédérale des beaux-arts

1985
ACCP-Vitrine, Appellhofplatz, Köln (E)
Galerie Instant Kriens, Luzern
Palazzo dei congressi, Lugano, borse federali delle belle arti

1992
Städtisches Museum Haus Koekkoek, Kleve, Der Teppich des Lebens, Hans Brändli, Katharina Fritsch, Michael van Ofen and Stefan Sehler
Galerie Anton Meier, Genf, refuse
Kunstmuseum Aarau, Ausstellung Eidgenössisches Kunststipendium

1993
Kunstmuseum Luzern, Ausstellungspreis der Kunstgesellschaft Luzern (E)
Galerie Jablonka, Köln, Bilder und Zeichnungen (E)
Galerie Rüdiger Schöttle, München, Hans Brändli / Pia Fries / Karin Kneffel
Stephanien Straße 16, Düsseldorf, Eine Adresse – Eine Ausstellung
Kulturpanorama Luzern, Ausstellung Werkjahr
Kunstmuseum Luzern, Schweizer Kunst 70/90

1994
Galerie Schönewald und Beuse, Krefeld, en miniature

1995
Kunstmuseum Luzern, sehnen und bänder (E)
Talmuseum Engelberg, Zeichnung Innerschweiz II

1996
Galerie Schönewald und Beuse, Krefeld, Alkohol und Läuse (E)
Galerie Schönewald und Beuse, Krefeld, unsere Zeit
Galerie Benzeholz, Meggen, Luzern, coccus lacca (E)
Kunstmuseum Luzern, Zwischenraum 96–99, Ausstellung Werkbeiträge

2003
Matthew Marks Gallery, New York, torn between two lovers

2006
Jeannie Freilich Fine Art, New York, 100 Watercolors
Galerie Helga de Alvear, Madrid, zeigen, Audiotour von Karin Sander

2009
Temporäre Kunsthalle Berlin, zeigen, eine Audiotour durch Berlin

2010
Kunstmuseum Winterthur, Die Natur der Kunst, Begegnungen mit der
Natur vom 19. Jh. bis in die Gegenwart

2012
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, zeigen, eine Audiotour durch Baden-Württemberg von Karin Sander

2013
Studio Michael Royen, Vettelschoss, Lot im Feuer (E)

2015
Kunstmuseum Winterthur, CH­Variationen, Neuere Schweizer Zeichnungen

2016
Museum Bruder Klaus Sachseln, Hans Brändli. Aquarell, Metall, Malerei (E)

2017
Kunstmuseum Winterthur, Kunst / Arbeit / Dieter Schwarz im Kunstmuseum Winterthur

2018
Galleria ARTE-RIA, Locarno, QUASIDACAPO, Pia Fries / Hans Brändli
Pictura Dordrecht, VLUGSCHRIFT / FLUGBLÄTTER

2022
Kunstmuseum Winterthur, Nord – Süd. Perspektiven auf die Sammlung

2024
Ateliers Höherweg 271, Düsseldorf, Hans Brändli / Pia Fries / Bruno Jacob

2025
Galerie Stans, Schweiz, mel zerstreusam
Neue Galerie Bitburg, SOLODUO, Hans Brändli / Pia Fries